Chikako Kato

chikako

Chikako Kato ist unterwegs, als Person, als Malerin. Gleichviel, wohin der Weg führt, sie scheint auf der Reise, und ihre Arbeit ist ebenso auf der (Durch-) Reise wie auch für die Reise gemacht.

Wenn wir Radio hören, so verstehen die wenigsten unter uns, wie es (technisch) möglich ist, Radio zu hören. Wir erinnern uns vielleicht vage, daß die Rede oder die musikalische Darbietung zwischen dem Mikrophon im Aufnahmestudio und den Lautsprechern des Rundfunkempfängers einem Prozeß der Übersetzung, der Überführung in etwas Unverstandenes, jedenfalls aber Lautloses unterworfen wird. Die elektrotechnischen Fertigbauteile, welche diese Transformation und Emission von Kommunikation erstmals massenhaft ermöglichten, kleinteilige Transistoren, Widerstände, gedruckte Schaltungen, traten zuerst in jenem Erzeugnis der modernen Warenwelt auf, mit dem sich Japan in mehrfacher Beziehung nach seiner eigenen Wirtschaftswunderzeit im Europa der Nachkriegsjahre zurückmeldete, nämlich mit dem batteriebetriebenen Transistorradio und dem Autoradio. Beginnen möchte ich hier deshalb mit einer fiktiven, fast jedoch autobiographisch zu nennenden ‘Erinnerung': “Communication breakdown, it’s always the same / Communication breakdown, it drives me insane!” Diesen (mit einer fast hysterisch kreischenden, zwischen Falsett und dunklem Bluestimbre glissierenden Stimme vorgetragenen) Refrain Robert Plants und das zugehörige Gitarrenriff von Jimmy Page wird einzelnen älteren Modellen im Publikum noch im Ohr sein. Vorstellbar wäre nun ohne weiteres, daß diese für große Lautstärke produzierte Hard-Rock-Phrase noch gegen 1973, dem Geburtsjahr von Chika Kato, an einem heißen Sommernachmittag im Schwimmbad aus einem winzigen Transistorradio oder scheppernd aus einem transistorisierten Autoradio tönte. Led Zep waren “big” in den USA, in Japan wie im alten Europa, also jenen Weltgegenden, die die Malerin während der vergangenen Jahre durchstreift hat. Kommunikation über den Zusammenbruch von Kommunikation wurde da zum Thema, einem Thema das sich auf mehreren Reflexionsebenen auch in die Bilder eingeschrieben hat, denen ich mich mit Ihnen nun zuwenden möchte.

Beginnen wir einfach, ja vereinfachend beim Motiv. Als Widerstände, Halbleiterdioden und Transistoren in einer pnp-Schaltung lassen sich die eigenartigen ‘Wesen’ schnell identifizieren, die CK auf und vor stets wechselnden Farbgründen silhouettierend, reliefierend oder schlagschattenwerfend in Bewegung gesetzt hat. Der Effekt ist zunächst der eines eigenwilligen Neo-Surrealismus und ein durchaus fröhlicher, der an Miró erinnern mag, gelegentlich aber auch der eines Post-Minimalismus. (Ausnahme: die drei ‘streng’ geometrisch geordneten Arbeiten, deren Flächenmittelpunkt von einer einzigen und mithin einsamen ‘widerständigen Transistoren-Gestalt’ eingenommen wird.) Warum dieses Motiv und warum der Titel “Mind Games”? Es geht um ein Experiment von spielerischem Ernst, aber auch um ein ernstes Spiel, das ikonographisch um das Phänomen Kommunikation und das Verhältnis von Verstehen und Nichtverstehen zu kreisen scheint. Wie in meiner Behauptung, das Radio stelle für die meisten von uns ein Mittel der Verständigung dar, dessen interne Verständigungstechnik wir dabei nicht verstehen und jedenfalls ignorieren, begegnet man auch in der Bildfolge Chikako Katos einer Suche nach einer Verständigung über Farbe und Form, welche sich in ironischem Spiel eines ‘Mediums’ bedient, das von uns allen als selbstverständlich hingenommen, dabei in seinem Funktionieren doch nur von den wenigsten begriffen wird.

“Emitter-, Kollektor- und Basiszone”, “Polung”, “Spannungs- und Stromverstärkung”, derlei Begriffe, wie sie das Techniklexikon zur Erläuterung der Funktionsweise eines Transistors anbietet, lassen sich mit geringer Anstrengung auch für die Beschreibung der Bilder von Frau Kato nutzen – die ‘malerische Basiszone’ der Farbfelder, die ‘Emissionsarrangements’ der graphisch angezeigten Wellenlinien, die ‘Kollektorwirkung’ der knallbunten, insektenhaft die Bildquadrate kontrollierenden Klein-‘Wesen’ elektrotechnischer Herkunft. Der Blick in ein transistorbetriebenes Autoradio älteren Baujahrs, der wohl tatsächlich am Beginn der Entwicklung der heute abend gezeigten Bildsequenz Katos stand, löste bei der Malerin wohl nicht zuletzt deshalb einige Faszination aus, weil sie sich einem mit stark kontrastierenden Buntwerten bestückten ‘Malkasten’ als den Darstellungsmitteln und dabei zugleich doch auch dem ‘Motiv’ gegenüber fand, das ‘ikonographisch’ zum Auslöser ihrer “Mind Games” wurde.

Einige weitere Stichworte zu Katos Arbeiten und Arbeitsweise: die Malerin erzielt eine Verlebendigung des ‘technisch Toten’ ihres Hauptmotivs durch kurvierte Neuanordnung der im transportablen Rundfunkempfänger elektronisch und rechtwinklig angeordneten Bauteile der Kommunikationsindustrie. Reguliert wird das Motivische von Widerständen, Transistoren und gedruckten Schaltungen im Auftreten jedoch auch hier — und zwar durch die rechtwinkligen, zentralisierenden Bildquadrate und deren Hängung. Im kleinen Maßstab der Bilder erscheint das real Kleine der Motive als etwas überraschend Großes; die aus der äußeren Welt bekannte Relation von Groß und Klein verschiebt sich in der bildinternen Wirklichkeit vor allem auf Grund des koloristischen Kalküls und des von allem Zweckhaften ‘abstrahierenden’ Verhältnis von Farb-Grund zu Motiv-Figur. Die Anordnung des Motivischen in den Farbfeldern wird als Komposition, als Flächenfüllung, als die ‘Beherrschung’ der ‘abstrakten’ Farbfelder durch selbst winzige ‘Zeichen’ erfahren. (Beispiele nennen!) – An den Arbeiten Chikako Katos fällt die Vermeidung des Handschriftlichen, gar Kalligraphischen auf, an dessen Stelle ein malerische Feintechnik tritt, die abermals an die Erfordernisse beim Bau eines Transistorradios denken läßt. – Das orthogonale, in der Radiotechnik auf Platzersparnis und Übersichtlichkeit abgestellte Anordnungsmuster ersetzt Kato durch betont biomorphe Arrangements, der zu einem neuen und eigenen Sinn geordneten Teile im Gemälde. Die Farbigkeit: Kato setzt die Farbe im einzelnen Bildquadrat (bei nur wenigen Ausnahmen) stets monochrom ein; dabei geben sich bald freilich einige Varianten im Farbauftrag zu erkennen, welche für den hier eher die Fläche der Leinwand als ebene Ebene akzentuierenden, dort einen eher farbräumlichen Eindruck, dann wieder für eine Reliefierung der Schatten werfenden ‘Figur’ vor ihrem (Farb-) Grund sorgen. Entgegen der Monochromie des einzelnen Gemäldes erzeugt deren Arrangement in der sequentiellen Hängung den Effekt intensiver Buntfarbigkeit, einen Effekt, der so im Großen wiederholt, was am Einzelmotiv des farbig kodierten Widerstands auch eine der Eigenschaften des Sujets ausmacht. Genauer: Im Einzelbild stehen die meist sehr kleinformatig gegebenen, bunt gestreiften Elektrobauteile als ‘Motiv’ dem einheitlich und gleichmäßig eingefärbten, die gesamte verfügbare Fläche ausfüllenden Farbfeld gegenüber. Das Kleine ist bunt, das große Ganze hingegen farbeinheitlich vor Augen gestellt. Diese interne Farbordnung des einzelnen Bildes erfährt eine Antwort, einen Reflex in der Abfolge der ca. dreißig gezeigten Bilder – nun freilich erscheint das Nebeneinander der quadratischen Bildfelder als das Grellbunte, während dem die verwinkelte, monochrom-weiß gestrichene Galeriewand zur Folie wird. Zwischen dem Einzelgemälde und der Serie herrscht (sozusagen) eine Relation umgekehrter Proportionalität, der stete Farbwechsel innerhalb der Bilderfolge korrespondiert dem Wechsel kontrastierender Farbstreifen am ‘Motiv’, an dem sie allerdings ganz unkünstlerischen, produktionstechnisch bedingten Zwecken gehorchten, aus denen Chikako Kato sie malend ‘befreit’ hat.

Zurück zum Start: Ich hätte mich sehr mißverständlich ausgedrückt, wenn Sie nun etwa auf die Idee verfielen, es handele sich in dieser one-woman-show um eine ‘gemalte Kommunikationstheorie’ oder aber um eine ‘Meditation’ über die Mittel der Malerei. “Mind Games” (als “Gedankenspiele” nur sehr unzulänglich ins Deutsche zu übersetzen) führen Paradoxien des Verstehens – und wohl auch des Mißverstehens – vor Augen. Ob im Zentrum oder an der Peripherie ihrer farbigen Spannungsfelder angeordnet, es apellieren die aus Transistoren und Widerständen entwickelten ‘Bildfigürchen’ Katos stets auch an den Gedanken, an den Verstand des Bildpublikums, in dem sie spielend und spielerisch eine Reflexion über den sinnlich-heiteren Eindruck und dessen Herkunft auslösen können.

Dr. D.W. Dörrbecker   2004